Inszenierung: Christian Schulz

Premiere: 16. August 2018

Es spielen: 

Alice und Paul, seit Jahren verheiratet, haben ihre besten Freunde, Laurence und Michel, ebenfalls ein Ehepaar, zum Abendessen eingeladen. Aber kurz bevor die beiden eintreffen, hat Alice plötzlich keine Lust mehr und versucht Paul zu überreden, das Essen abzusagen. Der Grund: am Nachmittag hat sie beim Shopping Michel gesehen, wie er beim Verlassen eines Geschäfts eine fremde Frau geküsst hat! Das Problem: Sie weiß nicht, wie sie sich verhalten soll – ihrer Freundin alles sagen, oder den ganzen Abend so tun, als wäre nichts geschehen?
Aber in dem Moment, in dem Paul absagen will, klingelt es, die beiden stehen vor der Tür… Was nun ? Aus dieser Konstellation entwickelt Zeller ein raffiniert pikantes Spiel voller Esprit und französischer Ironie. Mit verzweifelten Versuchen nach Alibis, melancholischen, zartbitteren Apercus, mit perlenden brillanten Dialogen – ein verzwicktes Puzzle, in dem es nicht nur darum geht herauszufinden, wer mit wem,wann und wo, sondern auch um die existenziellste aller Fragen: Wie viel Wahrheit steckt in der Lüge und wie viel Lüge steckt in der Wahrheit ? Ist es wahr, dass die Lüge ein Beweis von Dezenz ist, von Freundschaft, ja sogar von Liebe? Florian Zeller ist mit „Die Lüge“ eine elegante, eloquente, blitzgescheite, bitterböse und dennoch schwungvolle Komödie gelungen. 

Florian Zellers Komödie “Die Wahrheit“ wurde 2013 in der Inszenierung von Ute Richter über 100 mal im Zimmertheater aufgeführt.

Bilder

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Pressestimmen

Die heitere Hölle des Ehegemetzels

Zimmerschlacht im Zimmertheater: Spritzige Premiere von Florian Zellers Komödie „Die Lüge“ – Glänzende Dialogakrobatik und tolle Schauspieler
Von Heribert Vogt

Kann denn Lüge Liebe sein? Um diese so brisante wie abgründige Frage dreht sich die quecksilbrig-pointenreiche Komödie „Die Lüge“ des französischen Autors Florian Zeller, die bei der Premiere im Heidelberger Zimmertheater immer mal wieder das Tragische streifte, aber zugleich auch so komisch war, dass wieherndes Lachen der Zuschauer ein Begleiter durch diesen turbulenten Abend war.
Da ging in der Inszenierung und Bühneneinrichtung von Christian Schulz eine Zimmerschlacht über die Bühne, die als heitere Hölle des Ehegemetzels daherkam. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht nur nicht, sondern der muss offenbar auch mit sehr weitreichenden Folgen rechnen. Hier jedenfalls stellt ein kleiner Schwindel die Weichen für eine chaotische Achterbahnfahrt durch den Ehealltag, sodass man schon bald nicht mehr weiß, wo oben und unten, rechts und links, aber schon gar nicht, was Lüge und Wahrheit ist.
Ein Ehepaar der gediegenen Pariser Mittelklasse in seinem Wohnzimmer. Zum gemeinsamen Abendessen steht gleich ein weiteres, sehr nahestehendes Paar auf der Matte. Da liegt plötzlich ein unheilschwangeres Problem in der Luft, denn der befreundete Mann wurde in einer verfänglichen Situation mit einer anderen Frau gesehen. Wie damit umgehen – ansprechen oder verschweigen? Lügen oder die Wahrheit sagen. Verlangen Liebe und Freundschaft die totale Aufrichtigkeit, oder ist die schonende Lüge nicht geradezu ein Liebesbeweis?
Im Spannungsnetz dieses moralischen Dilemmas verheddern sich schließlich alle Beteiligten. So werden bald wahre Lügen und gelogene Wahrheiten in buntem Wechsel aufgetischt, was die Irrungen und Wirrungen immer noch weiter steigert. Mittendrin stellt sich die grundsätzliche Frage nach der Wahrheit: Kann man sie im unbändig wuselnden Leben, wie es auf dem großen Wandgemälde in Chagall- Manier von Gerlinde Britsch transportiert wird, überhaupt immer sagen?
Das dürfte im großen Ganzen schon an den vorherrschenden gesellschaftlichen Konventionen scheitern, zu denen eben auch die Ehe zählt, die zunächst noch nichts aussagt über das wahre heißblütige Liebesleben von Frau und Mann.
So entbrennt auch zwischen dem gastgebenden Ehepaar alsbald Streit: Rasant entwickeln sich aus harmlosen Bemerkungen, misstrauischen Nachfragen und offenen Verdächtigungen immer heftigere Gefechte, die mit dem feinen Wortflorett geführt werden. Auf wohl kalkulierte Nadelstiche folgen gezielte und gegenseitige Verletzungen, die an den Rand der Trennung führen. Aber wird diese am Ende durch Lüge oder Wahrheit verhindert?
Weibliche und männliche Strategien befeuern sich im ehelichen Hauen und Stechen wechselseitig. Winnie Ricarda Bistram, die als Typ an Marie Bäumer erinnert, spielt die gastgebende Alice zurückgenommen und mit weichen Zügen. Aber in ihrem sanften Mienenspiel können die offenen Augen auch rasch zu gefährlichen Schlitzen werden, sodass man Alice immer auch ein dunkles Geheimnis zutraut. Dagegen verkörpert Peter Volksdorf ihren Gatten Paul mit offenem Visier. In seinem Gesicht geht die Post ab, darin spiegeln sich alle Kehrtwendungen, Überraschungen und Entgleisungen – was nicht immer den intelligentesten Eindruck hinterlässt. Bei aller verbaler Kraftmeierei und Abwiegelei kommt er doch gehörig ins Schleudern.
Ähnlich verzwickt geht es beim Gastpaar zu. Während Christian Schulz den lebenserfahrenen und sturmerprobten Verleger Michel darstellt, erscheint Yvonne Döring als glutäugige elegante Laurence (Kostüme: Katharina Andes), die scheinbar kein Wässerchen trüben kann – aber dieser Schein trügt erheblich. Da die Männer beste Freunde, die Frauen beste Freundinnen sind, mischen in diesem unübersichtlich kurvenreichen Salondrama auch noch die Geschlechtersolidaritäten kräftig mit. Die finale Erkenntnis: „Es ist wahr, dass nichts wahr ist.“
Schließlich wird die zu Beginn bedrohliche Lüge sogar zu einer Art Schutzraum, der Zugehörigkeiten vor dem Zerfall retten kann. Da sind die Eheleute aus dem Paradies, wie es im chagallesken Ambiente andeutet ist, endgültig vertrieben. Vorbei die Zeiten, als es auf der einen Seite das gute wahre Paradies, auf der anderen Seite die böse Lügenhölle gab. Die wahre – gelogene – Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen.
Insgesamt ein so spritziger wie anspruchsvoller Theaterabend, der mit glänzender Dialogakrobatik und tollen Schauspielerleistungen zwei unterhaltsame Stunden bescherte.
Starker Applaus.

Heidelberger Nachrichten vom Samstag, 18. August 2018, Seite 15

 

Pointierte Dialoge voller Wortwitz und Dichte

von Eckhard Britsch

Klar doch, alle vier Figuren haben etwas zu verbergen, ihr kleines oder großes Geheimnis. Eigentlich ließe sich damit gut leben, denn die Ehepaare Alice und Paul sowie Laurence und Michel sind befreundet. Alles paletti, zum gemeinsamen Abendbrot schmurgelt der Lapin im Backofen, und Paul schnüffelt am edlen Rotwein. Doch plötzlich will Alice den Abend platzen lassen und Paul ist völlig irritiert. Nur eine der üblichen weiblichen Launen, zumal sie doch am nächsten Tag eine wichtige Präsentation von irgendeinem noch wichtigeren Projekt im Business-Koffer mit sich trägt?

Was hat sie nur? Einen Verdacht. Unbarmherzig treibt sie, von Winnie Ricarda Bistram vordergründig cool und hintergründig böse gespielt, ihren Mann Paul in die Enge. Peter Volksdorf gibt ihm jugendlich unbeschwerte, naive Züge. Aber Paul verheddert sich im Dickicht seiner Ausflüchte. Dieser Frau ist er nicht gewachsen, doch damit sie Ruhe gibt, räumt er einen Fehltritt ein, nimmt ihn wieder zurück, als sei er ein Fake.

Was die Sache nur noch schlimmer macht, denn glaubhaft wirkt nun gar nichts mehr. Lüge und Wahrheit vermischen sich zu einer Gemengelage ohne Ausweg. Könnte Lüge gar barmherzig, ein Freundschaftsbeweis sein, und welche zwielichtige Rolle spielt Freund Paul? Der französische Autor Florian Zeller, dessen Komödie „Die Wahrheit“ schon 2013 im Zimmertheater reüssierte, entwickelt auch in „Die Lüge“ ein elegantes, raffiniertes und pointiertes Pingpongspiel, an dessen dialogischem Wortwitz und Verwirrungen Gastregisseur Christian Schulz die Texte in seiner zweiten Inszenierung am Zimmertheater mit leichter Hand fließen lässt.

Doppelbödige Bühnenfiguren

Er selbst zeichnet als Michel entspannte Züge eines scheinbar Unbeteiligten, während seine Laurence mit Yvonne Döring in liebenswerter Arglosigkeit auftaucht. Doch auch sie hat es faustdick hinter den Ohren. Das Ganze spielt vor einem Gemälde, das „paarige“ Elemente von Chagall und Nolde aufnimmt; dazu Sofa, Glastisch und so weiter, doch in durchaus dezentem Arrangement, so dass sich das immer dichter werdende Spiel entwickeln kann.

Im Epilog nach einer Textreprise, in der sich Dialogfetzen gegeneinander kehren, wird das Geheimnis gelüftet, das eigentlich von Anfang an klar ist (aber hier nicht verraten werden soll). Was die Frage aufwirft, warum denn Alice überhaupt den Stein ins Wasser warf. Hätte Alice indes aus dem Feingefühl ihrer Liebe heraus geschwiegen, ja, wäre dann alles besser, zumal sie mit ihrer penetranten Wahrheitssuche ein flottes Eigentor geschossen hat?

Herzlicher Premierenbeifall für ein geistreiches Stück Sommertheater über das Oscar Wilde-Aperçu „Lügen und Dichtung sind Künste“.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 18.08.2018