von Joe Penhall

Inszenierung: Ute Richter

Spielzeit: 13. April 2017 bis vorerst Ende Juni 2017

Es spielen: Philipp Oliver Baumgarten, Patrick Joseph, Christian Schulz

 

Ort: Eine Nervenklinik in London. Zeit: Jetzt. Personen: Ein Oberarzt, ein Assistenzarzt, ein Patient. – Die Waffen: Sprache, Witze, Zitate. Zitate, die sich im Mund des Zitierenden gegen den Zitierten richten.

Zwei Ärzte liefern sich ein Gefecht um Kompetenzen. Katalysator für diesen Konflikt ist Christopher, ein junger farbiger Patient.

Robert, der Leiter der Abteilung, will Christopher wieder in die Gesellschaft entlassen, weil er der Meinung ist, Krankenhaus mache krank. Aber ist er im Grunde nicht nur Erfüllungsgehilfe der Gesundheits-Politik, die überall und möglicherweise verantwortungslos, spart?

Bruce ist ein junger ehrgeiziger Assistenzarzt, voller moralischer Ideen. Bloß nicht so werden wie Robert, bloß keine Routine.
Jetzt hat er endlich einen Patienten, bei dessen Behandlung er sich profilieren kann: Christopher. Um ihn zu beobachten, braucht er ihn in der Klinik. Wenn Christophers Leiden schwerer ist, als bisher angenommen, kann Bruce ihn in der Abteilung behalten. Aber dann muss er eine gravierende Diagnose Stellen; eine Diagnose, die Christophers Leben ruinieren könnte…

Worum kämpfen diese Männer? Um ihr Bild von sich selbst: Ich bin der brillante Oberarzt, komme, was da wolle; ich der junge, idealistische Assistent, der nur das Wohl des Patienten im Sinn hat. Und Christopher? Er ist ein entwurzelter Schwarzer. Seine Krankheit ist die Heimatlosigkeit. Sie hat ihn verrückt gemacht. Aber wie schwer? Er fängt an, mitzuspielen, zu drohen, zu erpressen, sich freundlich zu stellen.

Bilder

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Pressestimmen

Total verrückt?

Guter Stoff, gute Besetzung: Ute Richter inszenierte im Heidelberger Zimmertheater Joe Penhalls Schauspiel „Blau / Orange“

Von Heide Seele

Das Stück wurde zum ersten Mal im Jahr 2000 in London aufgeführt. Es war so erfolgreich, dass es inzwischen auch an vielen anderen Bühnen zu sehen war, zumal es die Frage berührt, wer denn im Zweifelsfall der Verrückte ist, der Arzt oder der Patient. Jetzt hat Ute Richter für das Heidelberger Zimmertheater Joe Penhalls „Blau / Orange“ inszeniert, und die Reaktion des applausfreudigen Publikums bewies einmal mehr, welch gutes Händchen die Theaterleiterin im Aufspüren neuer, ergiebiger Stoffe hat, für die sie auch stets die optimalen Darsteller auszuwählen weiß.

Die Handlung spielt in einem Psychiatrischen Krankenhaus in London. Im Mittelpunkt steht der farbige Patient Christopher, der durch die Psychomühle gedreht wird. Er leidet unter einem Borderline-Syndrom und hört Stimmen. Zwei Experten befassen sich mit seinem Fall, und ihre individuell-unterschiedliche Einschätzung der Krankheit bildet den Spannungsbogen der Aufführung. Sie grundiert von der kaum eindeutig zu beantwortenden Frage: „Was ist normal?“ Im Fokus steht aber auch das nach wie vor aktuelle Problem, ob ein Mensch als Versuchskaninchen herhalten darf.

Großformatige Porträts der Psychiater Hans Prinzhorn und Sigmund Freud, gemalt von Gerlinde Britsch, hängen beziehungsreich an der Wand und signalisieren, worum es geht: nämlich darum, den auftretenden Charakteren auf den Grund ihrer Wesensart zu leuchten. Die Motive ihres Handelns zu erforschen, fällt nicht schwer, denn sowohl Oberarzt Robert als auch Assistenzarzt Bruce sind ehrgeizige Mediziner, die an ihrer Karriere interessiert sind.

Die Rollen sind mit Christian Schulz und Philipp Oliver Baumgarten optimal besetzt; der schwarze Christopher wird überzeugend verkörpert von Patrick Joseph. Er erfüllt seine Aufgabe als Katalysator mit Bravour, indem er Naivität mit einer wirksamen Prise Durchtriebenheit anreichert. Zudem ist er ein echter Sympathieträger. Dazu verfügt er über ein nahezu kabarettistisches Talent, vor allem bei den Debatten über das Verrücktsein. Und seine Freude auf die baldige Entlassung artikuliert er auch ohne Worte mit anrührender Intensität.

Der Autor Joe Penhall scheint sich auf dem medizinischen Sektor gut auszukennen und vermag seinem Stück durch dieses Wissen zusätzliche Authentizität zu verleihen. Der Theaterbesucher fühlt sich bei den Fachgesprächen zwischen Robert und Bruce – dank dem intensiven Agieren von Christian Schulz und Philipp Oliver Baumgarten – fast in die Schlüssellochperspektive gedrängt.

Wenn einer der Mediziner sagt, dass ein längerer Klinikaufenthalt Christopher noch kränker machen könne, sieht sich der Zuschauer zur eigenen Stellungnahme aufgefordert und mag dabei über mögliche Varianten nicht nur ärztlichen, sondern mitmenschlichen Verhaltens nachsinnen. Die blaue Orange gibt dabei den „basso continuo“ ab. Überhaupt ist das Stück voller Anspielungen mit absurden Einschüben. Es kreist um Kollegen, Karriere und Rivalitäten und vermittelt weise Erkenntnisse über das Leben und das „Verrücktsein“.

RNZ Heidelberger Nachrichten vom Samstag, 15. April 2017, Seite 15

 

Krankhafte Heilanstalt

Von unserem Mitarbeiter Eckhard Britsch

Was ist normal, was wäre krank? Gutherzig betrachtet eine auf Konventionen beruhende Definition, schlimmstenfalls eine von Vorurteilen beförderte, katastrophale Zuschreibung, so präsentiert uns der englische Autor Joe Penhall in seinem Stück „Blau/Orange“ die Zustände in einer Psychiatrie-Station. Dort kristallisiert sich eine böse Gemengelage, in der Patient, Assistenzarzt und Oberarzt ihre gegenseitigen Abhängigkeiten in verwirrenden Spielen und Machtkämpfen austragen.

Denn die Interessen sind höchst unterschiedlich: Bruce braucht unbedingt seine Facharztzulassung und scheint von Empathie zum Patienten motiviert. Aber stimmt das wirklich? Philipp Oliver Baumgarten spielt ihn als naiven Optimisten, der die Welt der Heilanstalt umkrempeln will, aber auch willkürlich über krank oder gesund entscheiden möchte. Dagegen stemmt sich der Oberarzt Robert, doch auch ihn treiben nicht nur edle Motive um: Christian Schulz zeigt ihn brillant als leicht zynischen Ehrgeizling, der nach einer Professur giert, die wirtschaftlichen Zwänge in einem eher maroden Gesundheitssystem ausbaden muss– und den ärztlichen Jungspund in fataler Abhängigkeit hält.

Bissige Gesellschaftskritik

Das Weltkind in der Mitten: Der aus Haiti stammende, dunkelhäutige Patrick Joseph profiliert den Patienten Christopher, dem Orangen blau vorkommen, außerordentlich intensiv. Dabei mixt er Burleske und innere Not bis hin zur Selbstpersiflage und mischt vor den dominierenden Bildnissen der Überväter Prinzhorn und Freud die Szene so gründlich auf, dass sich der Zuschauer fragt, wer hier über wen bestimmt.

Ute Richter (Bühne und Regie) hat die tiefgründige Studie, in der sich Gesellschaftskritik und allzu menschliche Interessen, medizinische Hinterfragung und Milieuschilderungen voll subtilem Rassismus verknäueln, perfekt und bissig entwirrt: ein sehenswertes Problemstück in bester Feinabstimmung.

Mannheimer Morgen, Kultiur vom Mittwoch den19.4.2017, Seite 27