Komödie von Yvan Calbérac

 

Premiere: Do 30. November 2017

 

Inszenierung: Christian Schulz

Es spielen: Benedict Freitag, Mirja Henking, Philip Leenders, Maika Troscheit

Paul stellt seinen Vater Henri vor die Wahl, entweder Altersheim oder er wohnt nicht mehr allein. Der misanthropische Witwer sperrt sich, doch er hat keine Wahl: sein Alter und seine gebrechliche Gesundheit zwingen zu einem Mitbewohner. Als die Studentin Constance sich bei ihm vorstellt und sich angesichts der vorherrschenden Wohnungsnot von keine seiner Grobheiten abschrecken lässt, fasst Henri einen erpresserischen, bösartigen Plan. Er versucht, entschei-dend in das Leben seines Sohnes und dessen Frau, Valérie, einzugreifen. Das Leben der vier Beteiligten wird sich tatsächlich verändern, – allerdings – weil jeder seinem Herzen folgt. Yvan Calbérac stellt in seiner mehrfach preisgekrönten Komödie die Frage nach dem Gelingen des Lebens; welchen Weg gehen wir, wenn Krankheit, Verlust, Kinderlosigkeit, ein nicht liebender Vater oder das Scheitern in der Ausbildung die Kräfte rauben? Und wer sind wir vor diesen Herausforderungen? Ist Monsieur Henri verbittert oder ein Liebender? und sein Sohn? Das Opfer eines erdrückenden Vaters? Ja…aber. Und dessen Frau? Verkanntes Genie mit reinem Herzen oder nervende Naive? Und die Studentin? Eine Unbe- kümmerte, leichtfertige, oder eine junge Frau, die es nicht wagt, ihrer Bestimmung zufolgen?

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Pressestimmen

Große Gefühle ganz ohne Kitsch

Premiere im Zimmertheater Heidelberg: Christian Schulz inszeniert „Die Studentin und Monsieur Henri“

Von Ingeborg Salomon

Dass verbitterte alte Männer durchaus ein Herz haben, das sich vorzugsweise öffnet, wenn ein jüngeres weibliches Wesen daran rührt, ist ein beliebtes Motiv in der Literatur. Auch Yvan Calbérac greift es in seiner Komödie „Die Studentin und Monsieur Henri“ auf. Christian Schulz hat das vielfach preisgekrönte und verfilmte Stück jetzt im Zimmertheater Heidelberg auf die Bühne gebracht. Nach gut zwei amüsanten Stunden steht fest: Der Regisseur ist nicht in die Kitschfalle, die bei dieser Personenkonstellation lauert, getappt. Gerade weil Schulz und seine vier Schauspieler es schaffen, Gefühle zu zeigen, ohne sentimental zu werden, wird auch das Herz der Zuschauer berührt.

Benedict Freitag – Zimmertheater-Besuchern gut bekannt, etwa 2015 als Max in Ute Richters Inszenierung von „Unsere Frauen“ – gibt Monsieur Henri als ziemlich bösartigen alten Mann mit Hörgerät, Brille und bandagiertem Arm. Weil er alleine in seiner Wohnung nicht mehr klar kommt, gibt sein Sohn Paul (Philip Leenders) eine Anzeige auf. Als Mitbewohnerin meldet sich die Studentin Constance, gespielt von Mirja Henking. Angesichts der Pariser Wohnungsnot lässt sie sich von Henris Grobheiten nicht abschrecken und geht auf dessen perfiden Plan ein: Wenn Constance es schafft, Paul zu verführen und so dessen ungeliebte Ehefrau Valerie (Maika Troscheit) zur Trennung zu drängen, darf Constance sechs Monate mietfrei wohnen.

Also startet die Blondine widerwillig, aber erfolgreich eine Charmeoffensive: Mit Milchreis, vorgetäuschter Fußballbegeisterung und einer Vorliebe für Hermann Hesse baggert sie Paul im sexy Minikleid kräftig an. Philip Leenders spielt den 40-Jährigen sehr überzeugend als liebenswerten Loser, der von Papa zwar die Kanzlei übernommen hat („Ich hätte Nein sagen sollen“), seinen alten Herrn aber sonst nur aus Pflichtgefühl regelmäßig zum Essen besucht. Für seine frömmelnde Frau Valerie sind diese Dinner eine Tortur. Maika Troscheit ist eine Gattin am Rande des Nervenzusammenbruchs, die beflissen versucht, gute Laune zu verbreiten, und alles „fabelhaft“ findet.

Als sie jedoch merkt, dass Constance es auf ihren Gatten abgesehen hat, wird sie deutlich und mutiert von der nervenden Naiven zur empathischen Ehefrau. Inzwischen entspannt sich das Verhältnis zwischen Henri und Constance, beide kommen sich näher über die Musik. Denn Constance ist eigentlich eine verhinderte Komponistin, und den alten Griesgram erinnert ihr Klavierspiel – Maika Troscheit spielt auswendig und ziemlich gut Bach und Rachmaninow – an seine früh verstorbene Frau.

Nach einem knappen Jahr haben sich in der Schlussszene alle Beteiligten verändert. Jeder hat nämlich seine ganz persönliche Antwort auf die Frage nach einem gelingenden Leben gefunden. Constance und Paul haben es geschafft, sich von den Erwartungen ihrer Väter zu emanzipieren und ihre eigenen Träume zu leben. Sie sind nicht länger Opfer, sondern gehen der Zukunft aktiv handelnd entgegen. Aus ihrem misslungenen Flirt ist eine tiefe Freundschaft geworden. Für Valerie geht ihr größter Wunsch in Erfüllung, und Monsieur Henri meldet sich mit einem Brief aus dem Off. Daraus geht hervor, was er unter Liebe versteht.

Das Premierenpublikum spendete Regisseur und Darstellern begeisterten Applaus. Dass Christian Schulz ein facettenreicher Schauspieler ist, hat er am Zimmertheater schon mehrfach bewiesen, zuletzt im Frühjahr als Oberarzt Robert in „Blau / Orange“. Dass er auch ein begabter Regisseur ist, hat diese Inszenierung gezeigt. Gerne mehr davon.

Heidelberger Nachrichten vom Samstag, 2. Dezember 2017, Seite 15