Kontinuität und Innovation

Manchmal wendet sich im Leben Entscheidendes zum Guten: Jetzt, wir schreiben den Spätsommer des Jahres 2010, verdunkeln keine Wolken den Himmel über dem Zimmertheater. Wichtigstes seit der vorhergehenden Bestandsaufnahme von Horst H. Walter: Der Mietvertrag wurde verlängert, nun bis zum Jahr 2018. Hauseignerin Alexandra Reichert macht sich verdient um das Kulturleben in Heidelberg und in Baden-Württemberg. Frau Reichert weiß spürbar um die Wertigkeit ihrer „Unter“Mieter, das nunmehr älteste Theater der Bundesrepublik in privater Trägerschaft.

In diesem Frühjahr hat das Haus gefeiert, denn das Zimmertheater besteht seit 60 Jahren, aber auch die Chefin war zu ehren: Ute Richter leitet seit 25 Jahren als Intendantin, ständige Regisseurin, Bühnenbildnerin und Geschäftsführerin dieses Heidelberger Schmuckstück. In der „guten, alten Zeit“ wurde solche Kontinuität mit dem Wort „Prinzipalin“ umschrieben. Ob Ute Richter dieser Ausdruck gefällt? Wahrscheinlich wird sie diese Bezeichnung mit leicht mokantem Lächeln entgegennehmen, denn Ute Richter fühlt sich zwar für alles verantwortlich, doch glaubt sie an Selbstwertgefühl und Selbstverantwortung ihrer Mitarbeiter.

Kontinuität und Innovation, unter diesem Leitsatz könnten die letzten zehn Jahre subsumiert werden. Innovation heißt, dass Uraufführungen und deutschsprachige Erstaufführungen gepflegt werden und dass jedes neue Stück in sensibler Betrachtung daraufhin abgeklopft wird, ob es denn auch Zeitströmungen widerspiegelt, um dann in phantasievoller Bühnengestaltung eine psychologisch fundierte und dramaturgisch raffinierte Umsetzung zu erfahren. Erinnert sei – als Beispiel – an „Die Grönholm-Methode“ von Jordi Galcaran (2006), wo die geradezu pervertierte Welt psychologischer Kriegsführung bei Einstellungsgesprächen perfekte theatralische Umsetzung erfährt und im Zimmertheater eine grandiose Bühnenpräsenz erhielt. Kontinuität wiederum bedeutet, dass das Haus wirtschaftlich ausgezeichnet geführt wird, weil ein hoher Auslastungsgrad Bestätigung dafür ist, dass die Gelder von Stadt und Land sinnvoll und gut angelegt sind.

Die stete Zustimmung des Publikums aber basiert eben nicht auf dem schnellen Blick des Hauses in Richtung gängiger Unterhaltung, wo über Eintagsfliegen tatsächlich gute Rendite zu erzielen wäre, sondern auf einer qualitativen Verlässlichkeit von Text, Inszenierung, Bühnengestaltung, Darsteller-Auswahl – und, nicht zu vergessen! – einem immer bestens gepflegten Ambiente. So kann auch der Flaneur, der zufällig an der Hauptstraße 118 vorbeikommt und die bläuliche Neon-Leuchtschrift mit dem schlichten Titel „Zimmertheater“ entdeckt, ohne Bedenken hineingehen: Enttäuscht wurde in den letzten zehn Jahren und in den 60 Jahren des Bestehens kaum jemand. Beckmesser ausgenommen.

„Dieses Theater hatte das Glück, dass von allem Anfang an engagierte Vollblutkünstler, man kann auch sagen begeisterte ,Theaternarren’ sein Geschick bestimmt haben . . . hier gibt es weder Rampe noch Vorhang, die den Zuschauer vom Schauspieler trennen, hier ist das Publikum im wahrsten Wortsinne hautnah mit dem Geschehen auf der Bühne verbunden und erlebt deshalb die erzählten Geschichten in einer zusätzlichen und ganz unmittelbaren Dimension“, so der 2004 im Alter von 76 Jahren verstorbene, langjährige Kulturkoordinator des Landes Baden-Württemberg, Dr. Hannes Rettich, in seiner Laudatio vor zehn Jahren. Das gilt heute ebenso uneingeschränkt, wie es Verpflichtung bleibt: Anregungen für den Kopf zu vermitteln und einen unterhaltsamen, wie nachschwingenden Abend in bester Atmosphäre zu bieten.

Ein kleiner Blick in den Spielplan der letzten zehn Jahre zeigt, wie sehr es Ute Richter durch ihre Regiearbeit gelungen ist, Problemstück mit Unterhaltung, Komödie mit Tiefgang und Ernst mit Satire zu verbinden. Und der Blick in die Statistik beweist, dass dieses, aus sensiblem Theatergespür gewonnene Rezept auf ungebrochen hohen Publikumszuspruch stößt. Weit über 90 Prozent Auslastung über all die Jahre, mehr als 50 Prozent Eigeneinnahmen beim Etat, das sind Zahlen, die jeder mit der Theaterlandschaft Vertraute nur voll Verwunderung und Bewunderung zur Kenntnis nehmen kann. Nach den persönlichen Favoriten gefragt, die Ute Richter während der letzten zehn Jahre im En-Suite-Betrieb des Zimmertheaters realisiert hat, nennt sie vor allem: „Geist“ von Margaret Edson, „Drei Mal Leben“ und „Der Gott des Gemetzels“ von Yasmina Reza, „Die Kopien“ von Caryl Churchill, „Endgeil“ von Gert Heidenreich, „Die Grönholm-Methode“ von Jordi Galcaran, „Talfahrt“ von Arthur Miller, „Dämonen“ von Richard Everett und „Einladung zum Abendessen“ von Brian Parks.

Wie es weitergeht? Kontinuität und Innovation prägen das Haus auch in Zukunft. Aber es gibt zudem Handfestes zu tun: Eine neue Bestuhlung wird in diesem Spätherbst eingebaut. Dabei muss ein kräftiger finanzieller Brocken bewältigt werden, doch Trägerverein (Vorsitzender: Eckard Marschollek) und Freundeskreis (Vorsitzender: Jochen Reske) sorgen fürs wirtschaftliche Fundament dieser Investition.

In der Universitätsstadt Heidelberg enden ehrende Worte meist mit dem Ausruf: „Ad multos annos“. Das klänge albern bei einem so lebendigen Theater. Freuen wir uns also ganz einfach auf die nächsten Vorstellungen. Im Zimmertheater Heidelberg, Hauptraße 118, Eingang unterm blauen Neon-Schriftzug.

(Eckhard Britsch)

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