Eigentlich bin ich ganz anders

Doppeljubiläum: 65 Jahre Zimmertheater Heidelberg und 30 Jahre Intendanz Ute Richter

Von unserem Mitarbeiter

Eckhard Britsch

 

„So etwas gibt es in ganz München nicht“, verfiel ein intensiver Theatergänger in Begeisterung, als der Bajuware die Aufführung von Jordi Galcerans bitterbösem Spiel „Die Grönholm-Methode“ besuchte, das Stück, das den Rekord der letzten zehn Jahre hält: 154 Mal wurde es vor drei Jahren gespielt, es hätten locker noch mehr Vorstellungen werden können, wären die Darsteller nicht schon andere Verpflichtungen eingegangen. Gemeint war aber nicht nur die Qualität der dichten und packenden, weil psychologisch bestens austarierten Inszenierung, sondern insgesamt die Art, wie sich das Haus in der Heidelberger Hauptstraße 118 darstellt. Das fängt mit dem Eindruck außerordentlicher Gepflegtheit des Hauses an und geht – nur als Beispiel – beim Pausen-Sekt weiter, der in bester Qualität serviert wird. Es soll nicht primär „Geld gemacht“ werden, sondern der Besucher darf sich wohl fühlen, wo er sich doch in vielen anderen Häusern über das schlechte Preis-Leistungsverhältnis an der Getränke-Bar ärgert. Aus hoher Belesenheit zusammengestellte Programmhefte sind ebenso selbstverständlich wie sensibler Geschmack in allen Details. Das „Zimmertheater“ ist in Heidelberg schlicht und einfach eine Institution.

 

Die ordnende Hand von Ute Richter wird überall spürbar. Am 8. Januar 2015 wurde das Zimmertheater 65 Jahre jung, die Intendantin ist seit 48 Jahren dabei und vor 30 Jahren übernahm sie die Theaterleitung von Gillis van Rappard, der von 1961 bis 1985 diesem ältesten deutschen Theater in privater Trägerschaft vorstand. Die Diplom-Psychologin verkörpert den rar gewordenen Typus der „Prinzipalin“. Während der Probenarbeit unerbittlich gegenüber den Schauspielern in der Forderung nach Qualität: „Bei jedem falschen Ton bin ich persönlich gekränkt wie der Dirigent in Süskinds ‚Kontrabass’“, denn sie entwickelt den Ehrgeiz auch für die Schauspieler. Aber immer ist sie fürsorglich aufs Wohlergehen der Mimen bedacht. Unterkünfte werden bereit gestellt. Sind die Schauspieler während der Proben auch gut versorgt? Ah, der eine ist gerade alleinerziehend, darf das Kind beim Vater wohnen? Ein anderer muss unbedingt seinen deutschen Schäferhund dabei haben, wenn er für ein Vierteljahr in Heidelberg engagiert ist, um „en suite“ im Zimmertheater zu spielen. Auch das wird möglich gemacht.

 

Die Räumlichkeit bestimmt den Stil des Hauses mit und setzt Grenzen, die aber konsequent ausgelotet werden. 93 Plätze sind während der drei bis vier Produktionen pro Jahr regelmäßig zu gut 90 Prozent gebucht. „Ein volles Haus ist kein Garant für Qualität, ein leeres aber auch nicht“, sagt Ute Richter leicht spöttisch. Denn auf die hervorragende Auslastung kann sie stolz sein, zumal das Theater auch aus diesem Grund nie von der Stadt entschuldet werden musste; die Räte danken es ihr, einige von ihnen sind regelmäßige Besucher. Die Schauspieler sind extrem nah am Publikum, was wiederum leisere Töne bedingt. Diesen Weg hat Ute Richter perfektioniert, denn ihre Regiearbeit meidet die Plakatmalerei: „Über Psychologie kann man soviel erklären“. Und konzentriert muss ein Stück sein, länger als zwei Stunden sollte es nicht dauern. Die Mühsal des Weglassens zahlt sich aus, denn gelangweilt ist der Besucher nie.

 

96 Stücke hat Ute Richter seit 1976 gemacht. Soeben geht die „Einst ein Tiger” zu Ende, Dernière ist am 14. Februar 2015. Parallel laufen natürlich schon die Proben fürs Folgestück „Unsere Frauen“ von Éric Assous auf Hochtouren (Premiere voraussichtlich am 26. Februar). War früher alles besser? Stücke zu finden sei deshalb schwieriger geworden, weil besonders gute Komödien, die durch Sprachwitz und intelligente Eloquenz auffallen, Mangelware geworden sind. Heute „ist der Witz meist in der Hose“.

 

Ute Richter will respektiert werden. Achtung, ja Bewunderung seitens des Publikums, der Kulturpolitiker und der Fachkollegen hat sie sich in den Jahrzehnten ihrer aufreibenden Arbeit im und fürs Zimmertheater redlich verdient. „Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu“, schaut Ute Richter mit einem Zitat in sich hinein. Distanz baut sie auf, doch eigentlich mag sie Nähe.