von Joe Sutton

 

Premiere: Do 31. Mai 2018

Programmheft: Komplize (herunterladen)

Inszenierung: Ute Richter

Es spielen: 

Joe Sutton Komplize (Complicit)
Als das Stück „Komplize“ von Joe Sutton im letzten Jahr der Präsidentschaft von George Bush 2009 am Londoner Old Vic uraufgeführt wurde, hätte man nicht geglaubt, dass neun Jahre später die Geschichte eines Journalisten, der um seine Existenz, seine Freiheit und sein Leben kämpfen muss, weil er undemokratische Praktiken seines Landes aufgedeckt hat, weltweit zum Repertoire öffentlicher Nachrichtensendungen gehören könne. Weil der – mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnete – Journalist Benjamin Kitzer die Quelle im Pentagon nicht preisgeben will, die ihm den Beweis geliefert hat, dass auf Grund eines Regierungs-Memorandums das Waterboarding entgegen der Genfer Konvention nicht mehr als Folter einzustufen ist, zeigt man ihm nicht mehr nur die Instrumente. Gäbe er seine Quelle preis, hätte er seine Glaubwürdigkeit als Journalist verloren und damit seine Existenz. Tut er das nicht, wird er von der Staatsmacht als Komplize und Terrorverdächtiger eingestuft und damit seiner Freiheit beraubt. Dass sich Donald Trump im Wahlkampf ungeniert für die Beibehaltung des Waterboarding ausgesprochen hat, belegt, wie sehr sich die Szenerie zugunsten einer Geringschätzung der Pressefreiheit verändert hat. Und zwar selbst in Europa.

Helmar Harald Fischer

„Und so ist es wieder Zeit für COMPLICIT. Nur ist das Stück jetzt noch zeitgemäßer. Denn es geht nicht bloß um Folter, sondern auch um Journalismus. Die vierte Gewalt.
In dieser Zeit, in der Journalismus als „Fake News“ beschimpft wird, kann es nichts Wichtigeres geben!“

Joe Suttons Kommentar zu seinem Stück heute

Bilder

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Pressestimmen

Whistleblower in der Zwickmühle

Topaktuell:  Joe Suttens Politkrimi „Komplize“ feierte Premiere – Ein Journalist muss sich entscheiden

Von Ingeborg Salomon

Aktueller kann eine Premiere kaum sein: Als das Publikum am Donnerstagabend im Heidelberger Zimmertheater Ute Richters Inszenierung des Politkrimis „Komplize“ begeistert beklatschte, hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte wenige Stunden zuvor ein Urteil gefällt, das mit dem Inhalt des Stücks in engem Zusammenhang steht.

Nach Ansicht der Straßburger Richter haben die EU-Mitgliedsländer Litauen und Rumänien auf ihrem Staatsgebiet geheime Gefängnisse des US-Geheimdienstes CIA (und entsprechende Foltermethoden) geduldet. Geklagt hatten zwei Guantanamo-Häftlinge.

Genau um diese Art politischer Seilschaften geht es in „Komplize“; geschrieben hat das Stück der US-Autor Joe Sutton, uraufgeführt wurde „Complicit“ 2009 in London, also dem letzten Jahr der Präsidentschaft von George Bush. Hauptfigur ist der Journalist Benjamin Kitzer, gespielt von Philip Leenders.

Weil der Pulitzer-Preisträger die Quelle im Pentagon nicht preisgeben will, die ihm brisante Informationen geliefert hat, steht er vor Gericht. Denn aus den Geheimpapieren geht klar hervor, dass auf Grund eines Regierungsmemorandums Waterboarding nicht mehr als Foltermethode einzustufen ist – entgegen der Genfer Konvention.

Ben ist als Whistleblower nun in der klassischen Zwickmühle gefangen: Gibt er seine Quelle preis, kann er als Journalist einpacken. Gibt er sie nicht preis, wird er von der Staatsmacht als Terrorverdächtiger eingestuft und wandert ins Gefängnis.

Sein Anwalt Roger Cowan (Christian Schulz) hat dazu einen klaren Rat: „Gib ihnen, was sie haben wollen“. Und auch Bens Frau Judith, gespielt von Elisabeth-Marie Leistikow, will nur eins: Dass ihr Mann nicht ins Gefängnis wandert und damit die Existenz seiner Familie ruiniert. „Spiel nicht den Helden“, fleht sie ihn immer wieder an.

Um zu verstehen, in welcher Situation sich Ben befindet, muss der Zuschauer wissen, wie es überhaupt zu der Anklage gekommen ist. Statt rückblickender Monologe nutzt Zimmertheater-Intendantin Ute Richter die Macht der Bilder.

In Videosequenzen wird ein Interview gezeigt, in dem Ben Monate zuvor über die Foltermethoden der USA spricht. Zu sehen ist auch, wie Waterboarding in der Praxis aussieht: Dem gefesselten Häftling wird ein Sack über den Kopf gezogen, der immer wieder mit Wasser übergossen wird. Durch den aufkommenden Würgereflex hat das Opfer das Gefühl zu ertrinken.

Starke Bilder sind das, und so mancher Zuschauer muss da schon kräftig schlucken, zumal anschließend gezeigt wird, wie die Werbeindustrie Waterboarding mal eben in einen Spot über Gummibärchen einbaut. Letzteres ist glücklicherweise (noch) Fiktion.

Während der gesamten knapp zweistündigen Aufführung hat der Zuschauer in dem kühl-puristischen Bühnenbild den Artikel 5 der Menschenrechte vor Augen, der jede Form von Folter verbietet – eine zündende Idee von Gerlinde Britsch.

An Ben will die Anklage ein Exempel statuieren, das wird schnell klar. „Wir sind im Krieg“, erinnert Roger seinen Mandanten, der sich zunächst als ziemlich hartleibig erweist und seine Quelle auf gar keinen Fall preisgeben will. Schließlich habe man doch eine Vereinbarung mit den Anklägern, kleinere „Geheimnisse“ preiszugeben.

Doch Roger weiß, dass Vereinbarungen nicht gelten angesichts der „unkontrollierten Macht“ eines Präsidenten. Zur Erinnerung: George Bush hatte Waterboarding ausdrücklich gebilligt, Donald Trump bezeichnete die Methode als „wirkungsvoll“.

Gespannt verfolgt der Zuschauer, wie Ben sich entscheidet. Philipp Leenders spielt glaubwürdig einen Journalisten zwischen Berufsethos und persönlichen Ängsten, Elisabeth-Marie Leistikow ist als Judith ebenfalls sehr authentisch: „Ich bin auf keinen Ehemann mit einem Narzissmusproblem scharf gewesen, der das Gefühl hat, dass er der Einzige ist, der die Welt retten kann.“

Doch diese Welt wird wohl keiner mehr retten, schon gar nicht Roger, der zwielichtige Seilschaften betreibt. Christian Schulz spielt ihn als gewieften Juristen mit vielen Facetten.

Georg Baselitz stellt zum Tag der Pressefreiheit ein großformatiges Werk zur Verfügung.

Zum Schluss ist der „Kampf auf Leben und Tod“, so Roger, entschieden. Gewinner gibt es keine, verloren haben alle. Ein Schluss so traurig und echt wie das Leben.

Neben der ebenso konzentrierten wie feinfühligen Inszenierung ist ausdrücklich das klug edierte Programmheft zu loben, das wichtige Hintergrundinformationen liefert und als Cover Georg Baselitz’ Zeichnung „Frau am Abgrund“ zeigt, gemalt für den Tag der Pressefreiheit am 3. Mai und damals auch Seite 1 der RNZ.

RNZ Heidelberger Nachrichten vom Samstag, 2. Juni 2018, Seite 15

 

Schauspiel: Zimmertheater Heidelberg zeigt Politthriller 

Ernst, brisant, beklemmend 

Von unserem Mitarbeiter 

Eckhard Britsch 

War da was? Soeben hat der Europäische Gerichtshof Polen und Litauen verurteilt, weil sie in unheiliger Allianz dem amerikanischen Geheimdienst die Einrichtung von Foltergefängnissen erlaubt hatten. Die USA wähnen sich nach Nine-Eleven im Kriegszustand, von Terroristen umstellt, die Staatsgewalt schlägt zurück, auf Einzelschicksale wird keine Rücksicht genommen. Ein Journalist deckt ein Geheimpapier der Regierung auf, in dem das Folterverbot aufgeweicht wird – diskret ausgedrückt. 

Darum dreht sich der Politthriller „Komplize“ von Joe Sutton, der am Zimmertheater Heidelberg eine aufregend dichte Inszenierung durch die Prinzipalin Ute Richter erfuhr. Der Enthüllungsjournalist Benjamin Kritzer, dem Philip Leenders nahegehendes und differenziertes Profil verleiht, gerät selbst in den Fokus der Staatsmacht; ein anonymes Gericht will ihn zur Preisgabe der Quelle zwingen. Das Pikante dabei: Kritzer hatte selbst in einer Kolumne einst für gelegentliche Anwendung von Gewalt gegen echte oder vermeintliche Terroristen plädiert. Jetzt aber gerät er auch in den Sumpf staatlicher Hysterie. „Die reißen mir den Arsch auf“, barmt er. 

Jeder muss allein bleiben 

Helfen soll der Anwalt Roger Cowan: Christian Schulz spielt ihn jovial, dann zwielichtig bis hin zu einem Juristen, dem man sogar Parteienverrat zutraut, ist doch auch er auf vielfältige Weise mit Behörden verbandelt und von staatlichen Aufträgen abhängig. Auch Benjamins Frau Judith will nur das Eine: ihre Familie vor dem Ruin und gesellschaftlicher Ächtung schützen. Elisabeth-Marie Leistikow gibt ihr beherrschte Züge, doch ihre Ängste kann sie nicht verbergen. 

Vor kahler Bühne, die nur durch das umlaufende Schriftband der Genfer Konvention „Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden“ umrahmt wird, entwickelt Ute Richter ein beklemmendes Psychodrama stetig wachsenden, gegenseitigen Misstrauens, in dem letztlich jeder allein bleiben muss. Ein ernstes, aktuelles und brisantes Stück. 

Mannheimer Morgen 4.6.2018