Die WunderübungKomödie von Daniel Glattauer

Inszenierung: Ute Richter

Spielzeit: 19.November 2015 und vorerst verlängert bis 21. Mai 2016

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ER und SIE haben sich entschieden. Joana und Valentin. Sie gehen zur Paartherapie. Zwischen ihnen funktioniert gar nichts mehr. Der Therapeut sieht sofort: das ist ein Paar im fortgeschrittenen Kampfstadium, alles läuft gegeneinander. Nur in der Polemik sind sie ein perfekt eingespieltes Team und bleiben einander nichts schuldig. Ihre Streitkultur befindet sich auf hohem Niveau. Dabei hat ihre Geschichte einst so schön angefangen. Liebe auf den ersten Blick. Unter Wasser. Damals in Ägypten, als sie sich beim Tauchen kennengelernt haben. Valentin hat Joana imponiert, weil er jeden Fisch genau benennen konnte. Außerdem war er der einzige, der im Neopren-Anzug sexy ausgesehen hat. Und ihm ist bei ihrem Anblick auch gleich die Luft weggeblieben. Alles vorbei. Nach vierzehn Ehejahren hat man sich auseinandergelebt. Wo ist das alles hingekommen? Die großen Gefühle?

Der Therapeut zieht alle Register seines Könnens. Selbst die Wunderübung vollbringt keine Wunder. Die Stimmung bleibt geladen. Die Komödie kann beginnen…

Mit psychologischem Fingerspitzengefühl handelt Glattauer große Emotionen ab und bleibt dabei der Komödie treu. Und wie ein guter Seelentherapeut, gibt er nicht auf. Das Prinzip Hoffnung lebt…

Bilder

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Pressestimmen

RNZ, Heidelberger Nachrichten vom Samstag, 21. November 2015, Seite 15

Männer sind Schweiger
Daniel Glattauers Komödie „Die Wunderübung“ im Zimmertheater Heidelberg – Schauplatz Ehekrieg
Von Heribert Vogt

Solange die „Paradoxe Intervention“ noch etwas bringt, hat ein Ehepaar das „Einmaleins der Begegnung zwischen Mann und Frau“ irgendwie noch drauf. Aber in der Komödie „Die Wunderübung“ des Österreichers Daniel Glatt auer, die in der Inszenierung und Bühneneinrichtung von Intendantin Ute Richter im Heidelberger Zimmertheater Premiere hatte, ist der Beziehungslack zweier seit vierzehn Jahren Verheirateter erst einmal ab. Die beiden sind nun beim Paartherapeuten gelandet, und dort wird offenbar, dass in ihrem Fall die zwischengeschlechtlichen Grundrechenarten nicht mehr ausreichen, sondern bereits höhere Psycho-Mathematik angesagt ist. Da sind immer gleich drei Unbekannte mit im Verwirrspiel: nämlich die unbekannten Wesen der beiden Ehepartner wie auch ihres Therapeuten.
Vordergründig geht es in der wohnlichen, salonartigen Praxis des Paartherapeuten wohlgeordnet zu. Aber schon auf der Rückwand ist ein wahres Treppenlabyrinth ohne Anfang und Ende zu sehen, und noch weiter hinten beherrscht ein disparates, so spitzes wie scharfkantiges Strukturchaos die Szenerie. Solche Albtraumabgründe mögen sich auch in den Seelen von Joana und Valentin Dorek öffnen, wenn sie sich in der „Streitkultur“ ihres Ehealltags so richtig fetzen. Ihr Verhältnis macht gerade „nicht die beste Phase“ durch, beide gehen längst „getrennte Wege“. Aber immerhin haben sie sich noch zu einer gemeinsamen Therapie entschließen können.
Geschickt transportiert die Komödie das Klischee, dass Männer Schweiger sind und Frauen das glatte Gegenteil davon, nämlich wahre Labertaschen. Frauen reden und reden über alles und alles, während sich Männer autistisch in ihr Schneckenhaus zurückziehen. Da prallen Welten aufeinander. Deshalb empört sich Joana über den Gatten: „Dass es für ihn kein Problem gibt, ist das Problem!“
Derweil wünscht sich Valentin nur „ein bisschen Frieden“ an der Ehefront. So stellt sich hier eher die Frage, wann ein Mann eigentlich ein Mann ist. Aus Frauensicht sollen Männer zwar keine Schweine sein, aber auch keine Schweiger. Ein bisschen animalisch sollte „er“ schon sein: Als sich die nun verkrachten Eheleute vor siebzehn Jahren in Ägypten beim Tauchen kennenlernten, wirkte „er“ selbst im Neopren-Anzug noch sexy …
Dieser Zauber ist inzwischen auf der Strecke geblieben, vor allem seit die beiden Kinder da sind und die Doreks in ein Rollenkorsett gesteckt wurden. In den sich komplizierenden Verhältnissen wäh-len die Gestressten gegensätzliche Strategien. So gibt Sandra Fronterré im entbrennenden Kleinkrieg die Kampfhenne Joana: Die gelernte Historikerin geht die Schwierigkeiten frontal an, ist schnell „auf 180“ und zieht immer neue Ehepfeile aus dem Köcher. Aber die Geschosse prallen an dem von Dirk Weidner gespielten Valentin schlicht ab. Dieser ist zwar eine große Nummer in der Flugzeugindustrie, aber daheim wird der Realist und Minimalist auf putzige Art zu Bob der Baumeister, der mit seinem Werk-zeugkasten jenseits aller emotionalen Intelligenz möglichst auch das lädierte Liebesleben reparieren will.
Der Dritte im gefährdeten Bunde ist der von Lars Wellings dargestellte Eheberater, der schon von Geschlechts wie Berufs wegen der Fraktion der Schweiger zuzurechnen ist. In seiner Praxis lässt er die Klienten von sich erzählen, und auch in seinem Privatleben scheint es handfeste Kommunikationsprobleme zu geben. Jedoch in der Sitzung mit Joana und Valentin erreicht er durch eine raffinierte Mischung aus (Ver-) Schweigen, anschaulichen Paarübungen und verbaler Intervention zwar kein Wunder, aber doch einen therapeutischen Etappensieg in den Mühen der ehelichen Ebene.
Insgesamt ein amüsanter, quirliger und wendungsreicher Abend, an dem mit-unter selbst der Beziehungsprofi im Labyrinth der Liebe die Orientierung zu verlieren scheint. Und als man schon eine Vorhersehbarkeit zu erblicken glaubt, wird die Schraube der Paradoxien doch noch weiter gedreht. Das alles bringen die stimmige Einrichtung und die punktgenauen Pointen der Schauspieler derart gekonnt über die Rampe, dass eine Zuschauerin meinte: „Also diese ‚Paradoxe Intervention’ muss ich zu Hause auch einmal anwenden.“ – Starker Beifall.