umbruch_4_NeuNovember (Die Karre im Dreck) Farce von David Mamet

Inszenierung: Michael Klemm

Spielzeit: 13. August bis vorerst Ende Oktober 2015

Darsteller: Thomas Cermak, Wulf Schmid Noerr, Markus Stolberg, Nadja Winter

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Fisch fängt vom Kopf an zu stinken. So auch der Staat. So auch in ‚November‘. Ein schicksalsträchtiger Monat in den USA, wird doch am vierten Donnerstag im November Thanksgiving gefeiert, das lange Truthahn-Dinner, ein Prüfstein für so manche strapazierten Familienbande. Und am ersten Dienstag nach dem ersten Montag im November finden alle vier Jahre die Präsidentschaftswahlen statt…

Der amtierende US-Präsident Charles Smith sieht eine Woche vor der erhofften Wiederwahl seine Felle davonschwimmen. Die Umfrageergebnisse im Keller, die Wahlkampfkasse leer; es hat nur noch für zwei TV-Spots gereicht. Seine Parteifreunde rücken von ihm, dem wahrscheinlichen Loser, ab und wollen kein Geld mehr rausrücken. Nicht einmal eine Bibliothek, die, wie er meint, jedem scheidenden Präsidenten verfassungsmäßig zustehe, wollen sie ihm spendieren. Und nein, die Couch aus dem Weißen Haus darf seine Frau Cathy nicht mitnehmen.

Geld muss her. Da kommt der Vertreter des Verbandes der Truthahn- Züchter gerade recht. Ist es doch seit dem zweiten Weltkrieg so Sitte, dass der Präsident medienwirksam einen Truthahn begnadigt, wofür der Verband Geld spendiert. Fünfzigtausend Dollar aber machen den Kohl nicht fett. Diesmal kommt der Truthahn-Heini mit zwei Vögeln, da im letzten Jahr einer kränkelte: sofort steigt der Preis auf einhunderttausend Dollar…

Mamet hat darüber eine Farce verfasst. In allem Ernst. Denn was wir immer schon geahnt haben: Das ‚Weiße Haus‘ ist auch nur eine ‚Pension Schöller‘. Und jedes Irrenhaus ist auch zeichenhaft, allegorisch zu lesen. Und jede Farce sowieso.

Bilder

Mehr Bilder können Sie im Album bei Flickr ansehen.


Pressestimmen

 

Rhein-Neckar-Zeitung 15. August 2015

Schmeißfliegen im Weißen Haus 

Das Heidelberger Zimmertheater verzichtet auf die Sommerpause und entführt mit „November“ in die Niederungen der Politik 

Von Volker Oesterreich 

Dass es in der Gummizelle einer psychiatrischen Einrichtung „normaler“ zugeht als im Oval Office des Weißen Hauses, ahnten wir ja schon immer. Neue Nahrung verleiht dieser Vermutung die 2008 in New York uraufgeführte Polit- Farce „November oder Die Karre im Dreck“ des amerikanischen Erfolgsautors David Mamet. Gespielt wird sie jetzt im Heidelberger Zimmertheater, als Regisseurin fungiert allerdings nicht wie üblicherweise an dieser Adresse die Prinzipalin Ute Richter, sondern Michael Klemm, der sich den Bühnenbildner Jens Uwe Behrend mit ins Boot geholt hat. 

Als Ausstatter präsentiert Behrend ein Präsidentenbüro mit Ecken und Kanten. Oval kann es aufgrund der Zimmertheater-Architektur nicht sein. Aber die bieder- nostalgische Einrichtung mit leicht angegilbter Mustertapete und einem Mobiliar im Design eines Alt-Herren-Clubs, die entspricht schon den Vorstellungen, die wir via Nachrichtenbildern von dieser Schaltzentrale der Macht haben. 

Wer hier schaltet und waltet, ist klar: der Präsident der Vereinigten Staaten, genannt Chucky, nebst beratender und Reden schreibender SchmeißfliegenEntourage. David Mamet führt uns mitten hinein in diesen Sündenpfuhl. Gesprächsthemen und Zeitgefühl spielen ganz eindeutig auf die Endphase der Administration George W. Bushs an. 

Mamet, der mit dem universitären Geschlechterkampf „Oleanna“ und dem Immobilienmakler-Stück „Hanglage Meerblick“ deutlich bessere Theatertexte geschrieben hat, schlägt in „November“ mit der groben Keule der Karikatur zu. Die Binsenweisheit, dass die Politik ein arg schmutziges Geschäft sei, wird vom Autor überstrapaziert. 

Alles beginnt in der Endphase von Chuckys Präsidentschaft. Auf ihn verwettet keiner mehr einen Pfifferling, denn er ist eine „lame duck“, wie man im Amerika sagt, eine lahme Ente. Seine Chancen auf eine Wiederwahl scheinen gleich Null zu sein. Also gilt es während der letzten Amtstage, nach allen Regeln mafiotischer Seilschaften möglichst viel Money aus der Situation zu schlagen. Es wird getrickst und intrigiert und antichambriert auf Dollar-Milliönchen komm raus. Wer sich diesem Ziel in den Weg stellt, dem drohen schlimmste Konsequenzen: Sack über den Kopf und ab in den Schweineflieger, der zu irgendeinem Straflager à la Guantanamo jettet. Man sieht: Dieser Präsident gehört zur Kategorie korruptes Arschloch. 

Eine solche Rolle zu spielen, ist natürlich eine Herausforderung. Thomas Cermak stellt sich dieser Aufgabe mit dem ganzen Gewicht seiner Persönlichkeit, indem er die sinistren Facetten des präsidialen Fieslings herauskehrt. Ihm zur Seite lauter surrende Insekten. Wenn ein Augiasstall ausgemistet wird, bleibt solches Getier nicht aus. Schmeißfliege Nummer eins ist der Präsidenten-Berater, gespielt von Markus Stolberg, der als Top-Jurist seine Denkerstirn in Falten legt und alle Worte durchzukauen scheint wie ein Stück trocken Brot. Nadja Winter ist die verschnupfte Redenschreiberin Bernstein. Sie beherrscht das erpresserische Spiel ebenfalls aus dem Effeff und arbeitet aus ganz privaten Erwägungen darauf hin, dass der Präsident doch seinen Segen zur Homo-Ehe geben möge. 

Dann flattert noch ein hagerer Lobbyist (Wulf Schmid Noerr) in die Präsidenten-Voliere. Er ist nicht nur deshalb ein spinnerter Vogel, weil er für die Truthahn-Branche schachert, sondern weil er auch das eine oder andere geflügelte Wort auf den Lippen führt. Fünfter im Ensemble-Bunde ist ein Oberindianer (Eric Weiershäuser), der mit Ritualtanz-Rhythmen in den Beinen und Giftpfeil im Köcher eine große Bedrohung für die korrupte Mischpoke darstellt, obwohl er selbst mit dem Feuerwasser der Geldgier getauft zu sein scheint. Mehr nicht zu diesem Stück, das noch eine Reihe von boulevardesken Wendungen beinhaltet. Obendrein wartet es noch mit dem genretypischen Trick von Hiobsbotschaften per Telefon auf. Ständig klingelt das Ding auf dem klobigen Präsidenten- Schreibtisch. Dass die Telefonate aus dem Oval Office auch noch abgehört werden und für diplomatische Verwicklungen sorgen, kommt uns irgendwie bekannt vor. 

 

MANNHEIMER MORGEN 18.08.2015 

„November“ von David Mamet im Zimmertheater 

„Alle hassen dich, und du bist pleite“ 

Von unserem Mitarbeiter
Eckhard Britsch 

Dieser Präsident hat alles vermasselt. Seine Wiederwahl scheint unmöglich, er ist nur ein Proll. Jetzt, wo ihm eine Woche vor der Wahl die Felle davonschwimmen, verliert er alle Hemmungen. Hervor kommt ein Typ, der nur noch ans Geld denkt, der die Realität ausblendet und in einer abgeschotteten Welt lebt. 

Deftig seine Wortwahl; Kraftausdrücke aus der Alltagssprache zersetzen ebenso das hehre Bild eines Präsidenten wie sein stattlicher Bauchumfang. „Chucky“ ist eine hohle Hülse, wenn er sein Land ins Chaos stürzte und es nicht einmal merkt. Nichts an präsidialer Würde oder Aura umgibt ihn. 

Der amerikanische Autor David Mamet schrieb diese böse Farce über die Inhaltsleere im Oval-Office und die Abhängigkeiten im Polit-Getriebe. Im Zimmertheater Heidelberg hatte jetzt „November oder Die Karre im Dreck“ in der Inszenierung des Gastregisseurs Michael Klemm im angemessenen Bühnenbild von Jens Uwe Behrend Premiere. 

Klemm setzt auf Tempo und Situationskomik und hat dabei mit Thomas Cermak auch einen höchst präsenten Hauptdarsteller. Dem nimmt man die intellektuelle Dürftigkeit dieses Anti-Helden ebenso ab wie dessen verbohrte Fokussierung auf Money, ehe er in Schimpf und Schande die Wahl verlieren wird. Im Absurdistan hofft er, aus dem Begnadigungsrecht für die Thanksgiving-Turkeys beim Geflügel-Verband massig Dollars abzuschöpfen. 

Mit rauem Pep 
In einer mediengeilen Welt stimmt der Lobbyist dem unsauberen Deal zu. Wulf Schmid Noerr zeigt ihn als zerquälten Mann im Gestrüpp des Gebens und Nehmens. Hingegen charakterisiert Markus Stolberg die Figur des Beraters und Einflüsterers im Zentrum der Macht mit Zähne bleckender Mimik zu eindimensional. Auch die Ghostwriterin Clarice wird von Nadja Winter als liebenswert-lesbische Naive zu freundlich dargestellt. 

Realiter muss man ein harter Knochen sein, um diesen Job zu kriegen. Witzig eingebaut ist der Indianerhäuptling Grackle, Eric Weiershäuser mimt ihn mit rauem Pep. Das Premierenpublikum hat sich gut amüsiert. 

 

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