von Donald Marguiles

Inszenierung: Ute Richter

Vorstellungen: 75   Besucher: 8.503

 

Donald Marguiles nimmt in seinem Stück über Freundschaft, Liebe, Ehe und Haute Cuisine die eigene Generation auf´s Korn: In den Vierzigern jetzt, mit noch schulpflichtigen Kindern, gut situiert wie er selbst an der Yale School of Drama, und doch verunsichert in dem Bewusstsein, dass echte Lebensveränderungen nur jetzt noch möglich scheinen, während ein überlegtes Festhalten am Erreichten und Gewohnten schon die Schatten zunehmender Verwundbarkeit und Vereinsamung ahnen lässt. Der Erfolg von Marguiles bittersüßer Komödie verdankt sich einer humorvoll genauen Kennzeichnung seiner beiden Paare, in deren vier lebensvollen Rollen nicht nur die Gleichaltrigen und Älteren, sondern, einem biographischen Rücksprung im Stück entsprechend, auch die üngeren sich lustvoll wiedererkennen.

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Karen und Gabe haben was Schönes gekocht und ihre Freunde Beth und Tom eingeladen. Leider ist Tom verhindert, aber das hält die Gastgeber nicht ab, von ihrer Reise zu schwärmen…. Plötzlich zwischen Hauptgang und Dessert – Beth in Tränen: „Tom verlässt mich!“ Zwölf Jahre, zwei Kinder. Und nun…

Diese zwölf Jahre haben auch die Freunde miteinander verbracht. Und nun wird das alles in Frage gestellt? Nun wirft einer von ihnen, der sich doch scheinbar all die Jahre dabei wohlgefühlt hat, alles über den Haufen? Wie aus heiterem Himmel sind auch die Gemeinsamkeiten unter Freunden, auf die man sich verlassen konnte, das selbstverständliche Vertrauen brüchig geworden.

Immerhin müsste man doch miteinander reden können. Ob es wirklich ein „Kernpunkt der Zivilisation ist, den Impuls zu bekämpfen, einfach alles hinzuschmeißen“. Oder ob dieser Kernpunkt nicht im Gegenteil bedeutet, sein Leben ändern zu können.

Doch analysieren, diskutieren, philosophieren ist das eine. Und Sex ist das andere. Sex in langjährigen Beziehungen. An diesem Punkt wird´s bitter- Oder süß. Oder bittersüß.

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Für Dinner with Friends erhielt Donald Marguiles neben dem Pulitzer Prize for Drama 2000 unzählige Auszeichnungen. Dinner with Friends lief von 1999 bis 2001 am Variety Arts Theatre in New York. Die deutschsprachige Erstaufführung fand am 17. Mai 2002 am Renaissance Theater Berlin statt.

Bilder

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KRITIKEN

Rhein-Neckar-Zeitung vom 28./29. Juni 2003

Joggen, Dusche, Sex

„Freunde zum Essen“ von Donald Marguiles

von Heide Seele

Für Strindberg, Albee oder Ingmar Bergmann ist es nicht ernst genug, für Loriot aber nicht ausreichend witzig. Das Stück „Freunde zum Essen“ des Amerikaners Donald Marguiles, für das der Autor 2000 den Pullitzer-Preis erhielt, hält die Balance zwischen heiter und traurig, wobei das Heitere bei weitem überwiegt. Man lacht und fühlt dabei doch etwas Beklemmung, ist ziemlich berührt und findet das Ganze aber recht komisch. Die Komödie gibt die rechte Kost für unseren heißen Sommer ab, und die Premierengäste sparten nicht mit viel sagenden Reaktionen, denn Theater-Chefin lässt mit geschickter Hand vier Lebensentwürfe samt ihrer gelungenen oder gescheiterten Realisierung aufeinander prallen.

Zwei Paare geben eine theatralisch tragfähige Konstellation ab. Karen und Gabe auf der einen,Liz und Tom auf der anderen Seite kennen sich seit Jahren, sind alle Mitte vierzig, haben Kinder und wollen ihre Ehe nicht in Routine versinken lassen. Doch dieser Gefahr entgeht kaum jemand, denn im Leben und einer guten Beziehung geht es erfahrungsgemäß um mehr als „guten Sex“. Die Lacher im Publikum zeigten an, wo der Schuh oder sonstwas drückt. Offenbar haben nicht nur die Männlein und Weiblein auf der Bühne ihre liebe Not miteinander. Dem amerikanischen Dramatiker gelingt es, mit seinem gut gebauten Stück Allgemeingültigkeit zu erzielen mit der Besonderheit, dass ein Teil der Komik aus der Vorliebe seiner Personen für das Kulinarische resultiert. So gewinnt der Geschlechterkampf eine feinschmeckerische Note.

Es geht in „Dinner with Friends“ um die Unwägbarkeiten des Lebens, um die „ups and downs“ in der Partnerschaft, auch um die Unmöglichkeit, den Überschwang des ersten Verliebtseins hinüberzuretten in den Alltag. Hinzu kommt ein typisch amerikanischer Pragmatismus, der in allen Widrigkeiten noch eine Chance erkennt. Man tröstet sich schnell, packt neue Herausforderungen am Schopfe und lässt sich nicht kaputt machen. Die Ehe von Liz und Tom ist gescheitert., aber Karen und Gabe bleiben zusammen, doch auch hier gibt es einige Indizien dafür, dass ein kleiner Wurm in der Beziehung nagt.

Die kurzweilige, von lebensweisem Humor geprägte Zwei-Stunden-Aufführung hat Charme und Witz, dank einiger Kürzungen gewinnt sie an Stringenz, und die erfahrene Regisseurin Ute Richter weiß mal wieder ihre Darsteller zu führen. Das Gespann Liz-Tom gibt die Folie ab für Karen und Gabe. Es geht aber nicht nur um Liebe, Ehe und Treue, sondern auch um Freundschaft. Das alles liefert den Zuschauern Stoff zum Nachdeneken. Dass Ute Richter die Rückblende im ersten Akt mehrfach vorführen lässt in Form eines Videofilms erweist sich als hervorragende Idee, auch die Musikcollage gibt der Aufführung die passende Atmosphäre, und das Bühnenbild (ebenfalls von Ute Richter) evoziert den Eindruck großzügiger Weiträumigkeit.

Bleiben die Darsteller: Bettina Franke als Karen, ausschauend wie die junge Witwe Pohl, spielt überzeugend und liebenswert eine praktisch denkende Ehefrau, die aber doch das für Ihren Mann unverzichtbare Anlehnungsbedürfnis mitbringt. Sie hat gegenüber ihrer Freundin die dankbarere, da differenziertere Rolle, denn Marianne Thielmann als Liz muss zunächst als die vom treulosen Gatten Verlassene Tränen fließen lassen, dann die frisch Verliebte mimen. Das gelingt ihr gut. Karens Mann Gabe ist der handfeste, eher lakonische Typ, der lieber schweigt, als Stellung zu beziehen. Dem gut aussehenden Werner Opitz gelingt es ausgezeichnet, den Zwiespalt zwischen Solidarität gegenüber seiner Frau und Verständnis für seinen sich neu orientierenden Freund aufzuzeigen durch ein deutlich realitätsbezogenes Spiel Sein Kumpel Tom wird von Rainer Eizenberg verkörpert, der bei der Premiere eine Weile brauchte, um sich richtig freizuschwimmen. Dann aber entwickelte er eine unheimlich komisch wirkende Präsenz, und man fragte sich, wie lange wohl die ihn beglückende morgendliche Kombination von Joggen und anschließendem Sex unter der Dusche anhalten werde.

 

Mannheimer Morgen vom 2. Juli 2003

Das Besondere im Gewöhnlichen

Schauspiel „Freunde zum Essen“im Zimmertheater Heidelberg

von Ralf Carl Langhans

Ein geselliger: Abend unter Freunden hatte es werden sollen. Vorzügliches Abendessen, Urlaubserzahlungen und Anekdoten aus 15 Jahren gemeinsamen Lebens. Doch da platzt die Bombe: Tom habe sie einer Jüngeren wegen ver1assen, heult Liz unvermittelt. „Freunde zum Essen“ heißt das Stuck des amerikanischen Autors Donald Margulies, mit dem das Heidelberger Zimmertheater in den Theatersommer startet.

Prinzipalin Ute Richter hat die Regie übernommen und sich um die Folgen einer gängigen Trennungsgeschichte mit großer Intensität gewidmet. Es gelingt ihr, das Besondere im Gewöhnlichen zu zeigen, denn so oft wir vom Scheitern ehelichen Glucks hören, für die Betroffenen ist es ein äußerst individuelles Fiasko.

Tom (Rainer Etzenberg) fühlt sich degradiert zum Spediteur der Kinder zwischen Tennis und Ballett, Liz (Marianne Thielmann) als malende Hausfrau nicht ernst genommen. Respekt und Vertrauen, Aufmerksamkeit und Zuwendung bleiben in der täglichen Mühle nur zu leicht auf der Strecke. Das wissen auch Karen und Gabe, das befreundete Ehepaar, mit dem sie seit Jahren Urlaube, Wochenende und gesellige Abende verbringen. Die szenisch vorgesehenen Ruckblenden in glückliche Zeiten zu viert löst Ute Richter dramaturgisch sinnvoll durch das Einspielen von Videosequenzen, wenn diese in ihrer Handschrift freilich auch noch etwas hölzern daher kommen.

Es kommt, was bei Trennungen im Freundeskreis kommen muss: Partei wird ergriffen, Rechtfertigungen werden erwartet, und Fragen nach dem eignen Gluck werden auch in der so bemüht offensichtlich intakten Paarkonstellation laut. Bettina Franke und Werner Opitz spielen auf der Klaviatur von Behauptung und echter Verbundenheit äußerst subtil alle Facetten partnerschaftlichen Zusammenlebens durch, was einen bekömmlichen und doch eindringlichen Theaterabend ergibt.

Dem US-Autor gelingt mit „Freunde zum Essen“ das Kunststück, keine sich anbietenden Vorahnungen zu erfüllen, die Spannung zu halten, und Ute Richter kommt mit dieser dramatischen Spielart bestens zurecht. Erfreulich, dass Stuck und Regie die Dinge ohne Prüderie beim Namen nennen, etwa die sexuellen Note und Frustrationen in Langzeitpartnerschaften. Das Ergebnis ist ein Figurenquartett, das zu Menschen aus Fleisch und Blut wird, den en man im richtigen Leben schon häufig begegnet zu sein scheint – vielleicht sogar im nahe gelegenen Eigenheim.

 

Neue Rundschau Juli 2003

Von Jürgen Gottschling

Ute Richters psychologisch einfühlsames Regiekonzept bringt aus Donald Margulies‘ Stück eine brillant-schlüssige Textanalyse hervor, sie spielt und lässt: spielen mit Liebe und Sexualität als ideologischer, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Form, ihr Konzept bedient sich in der Tat dieser Hilfe, weil in dieser hintergründig bis abgründigen Textvorgabe Lust und Macht, Begierde und subtile Gewalt, Liebe, Tausch, sexueller Vollzug und allgemeine Verstofflichung ineinanderliegen, wenn Individuum und Gesellschaft nicht nur im Kopf von Theoretikem zusammengebrannt sind, sondem wirklich: Theater als Spiegel des Lebens.