von Caryl Churchill

Inszenierung: Ute Richter

Vorstellungen: 73  Besucher: 5.512

Darsteller:
Arne Dechow, Harald Heinz

Wie wäre das: Man läuft durch die Strassen und begegnet sich selbst: Wenn das da drüben ich bin, wer bin dann ich? Cloning. Ein Thema, das alle beschäftigt, weil es die Fragen nach dem, was das Einzigartige eines Menschen ausmacht, wieder in aller Dringlichkeit stellt. Und was ist das Lebewesen, das da entstehen würde? Bin ich das noch mal Ob wir es ertragen würden, als Serie aufzutreten und wieder zurückgerufen zu werden, wenn unsere Auftraggeber einen Defekt an uns reklamieren würden? Wie würden wir empfinden, wenn wir plötzlich erführen, dass derjenige, den Wir für unseren Vater gehalten haben, nurmehr der Mann war, der uns In Auftrag gegeben hat und uns nach einer Vorlage hat kopieren lassen? Und all die Zwischenschritte? Zwischenwesen, die keiner haben will, weil sie nicht perfekt waren? Kommen die dann auf den Müll? Caryl Churchill versetzt ihr Stück,. Die Kopien“ in eine nahe Zukunft, die wie ein Heute wirkt, in dem die Verheißungen der Biogenetik wahr geworden sind.

Fünf Rollen und zwei Schauspieler, ein Vater, sein leiblicher Sohn und zwei Wesen aus der Klonserie: Dem Original genetisch identisch, aber doch völlig unterschiedlich, da sie in völlig anderer Umgebung und völlig anderen Voraussetzungen aufgewachsen sind. „Also bin ich einfach nur er noch mal?“ fragt Bernard 2, als er erfährt, dass sein Vater ihn aus dem Erbmaterial eines ersten und echten biologisch gezeugten Sohnes hat herstellen lassen. „Nein, du bist du, weil du das bist, aber ich wollte einen, der genauso war“, entgegnet Salter, sein Vater oder Auftraggeber, und Bernard 2 darauf: „Aber ich bin nicht er“.

Caryl Churchill hat mehr als zwanzig Theaterstücke (u.a. Top Girls) geschrieben, niemals „well-made plays“, seit zehn Jahren zunehmend experimentell. Ihre Fragen an die von ihr seismographisch genau reflektierte Gegenwart formuliert Caryl Churchill in Texten, die auch szenisch noch der Entsprechung für kaum vorhandene Antworten suchen. ,A Number` wurde am 23. September 2002 am Royal Court Theatre London uraufgeführt. „Die Kopien“ brachte am 28. März 2003 die Berliner Schaubühne zur deutschsprachigen Erstaufführung.

Bilder

Mehr Bilder können Sie im entsprechenden Album bei Flickr ansehen.

 


 

KRITIKEN

Was dem Salatkopf recht ist…

SCHAUSPIEL: Caryl Churchills „Kopien“ im Zimmertheater Heidelberg

Von Ralf-Carl Langhals

Der Mensch ist Mensch; zwar gibt es Arme und Reiche, Schöne und Hässliche, Kranke und Gesunde, doch egal. auf welche Seite einen jeden Zufall und Geburt geworfen haben, es gibt selbst in den finstersten Ecken des Elends einen Funken Stolz auf das eigene Selbst. Ich bin ich, kann mir treu bleiben, mich gelegentlich verraten, mir leid tun, über Unbill der eigenen Möglichkeiten oder ungerechte Verhältnisse klagen, doch fest steht, dass die Singularität meines Wesen unantastbar ist. Unantastbar war – wie uns die Gentechnik mittlerweile lehrt, und wie es die englische Autorin Caryl Churchill in ihrem Theaterstück „Die Kopien“, das. jetzt neben dem Mannheimer Werkhaus auch im Heidelberger Zimmertheater zu sehen ist, mit ihrer dramatisierten Zukunftsvision vorführt.

Bernard war im Krankenhaus und bringt bei Entlassung eine irritierende Neuigkeit mit nach Hause: Es gibt eine Anzahl baugleiche Personen seines Erbgutes, wie viele kann er nicht sagen. Sein Vater drückt sich um Klärung, räumt Schritt für Schritt neue Zugeständnisse‘ ein, die im Laufe des Abends nie völlig geklärt werden. Die bittere Wahrheit ist, dass er nach dem Selbstmord seiner Frau mit seinem vierjährigen Sohn nicht zurechtkam, und danach den pädagogisch versauten Zögling weggibt, um mit einem Klon des Kindes noch einmal von vorne anzufangen. Die Entwicklung ist absehbar. Nach und nach begegnen sich die Kopien, emotional verwirrt, wütend auf Vater und ehrgeizige Wissenschaftler und ihrer Individualität beraubt.

Caryl Churchill spielt mit den moralischen Zweischneidigkeiten der Gentechnik und verschweigt nicht, dass Geld und wirtschaftliche Interessen dabei eine große Rolle spielen und Regisseurin Ute Richter hat mit Harald Heinz und Arne Dechow zwei sensible Schauspieler gefunden, die in diesem Dschungel aus Schuld, Naivität, Anklage und Rechtfertigung spannende Theaterarbeit leisten.

Ute Richter modernisiert ihren Bühnenstil, sie setzt das Zweipersonenstück in eine gläserne Szenerie zwischen bürgerlicher Gemütlichkeit und keimfreier Laborästhetik, ersetzt das im Zimmertheater obligate intellektualisierende Klavierspiel bei den Szenenübergängen durch synthetische Computerklänge und experimentiert ein weiteres Mal mit Videotechnik, was dem Trendstück sehr gut tut. So erklärt Karl Otto Greulich, ein veritabler Professor der Zytologie an der Universität Jena, mit honoriger Wissenschaftlichkeit via Projektion Lehrreiches und Heiteres über des Menschen Erbgut, das ihn genetisch gesehen nur 30 % vom Salatkopf trennt. Doch was wir im Supermarkt an Manipulation bei holländischem Salat dulden, schockiert uns innerhalb unserer Gattung zutiefst.

Äußerst wandelbar zeigt sich Arne Dechow als Betroffener mit Erörterungsbedarf, stets präsent und glaubhaft in den Rollen dreier potenzieller Klonsöhne. Allenfalls als biederer Lehrer mit Heidelberger Zungenschlag wirkt er etwas anbiedernd. Den in die Enge getriebenen Vater gestaltet Harald Heinz, den Ute Richter erneut ans Zimmertheater verpflichten konnte, mit erstaunlich kalter Bedenkenlosigkeit. Wer wissen möchte, was den Menschen vom Salatkopf trennt, und wie die Langzeitfolgen menschlichen Klonens aussehen könnten, ist hier bestens aufgehoben.

Mannheimer Morgen
3. November 2003

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